In der Niederlage ist der Deutsche Piefke

„In der Niederlage ist der Deutsche einsam“, schreibt Norbert Mappes-Niediek in der WM-Beilage der Kleinen Zeitung. Der Titel seines Essays bestätigt jedes Klischee. Er fragt nach dem Grund für die österreichische Freude über die deutsche Niederlage – und gibt eine sehr deutsche Antwort. So einzigartig, wie er glaubt, ist das Phänomen nämlich nicht. 2010 etwa haben die Fans der keltischen Nationen des vereinigten Königreichs bei der WM in Südafrika „anyone but England“ lautstark und frenetisch unterstützt.
Eine platte Annäherung als Replik. Übertrieben, überspitzt und überfällig.

„Ihr habt euch nicht einmal qualifiziert“, ist die Antwort des Deutschen (das polemische Maskulinum singular ist bewusst gesetzt und nicht Norbert Mappes-Niediek gemeint!) auf den Jubel des Österreichers über die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Südkorea am vergangenen Mittwoch und über das erstmalige Ausscheiden Deutschlands in einer Vorrunde einer Weltmeisterschaft. Damit bestätigt der Deutsche jedwedes Vorurteil, das der Österreicher von ihm hat: Demut und Selbstreflexion sind die Sache des Deutschen nicht. Der Deutsche wirkt auf den Österreicher – und vielleicht nicht nur auf ihn – arrogant und selbstgerecht. Er blickt auf andere herab. Nirgends wurde humoristisch und inhaltlich treffender dargestellt, wie der Deutsche auf den Österreicher wirkt, als in Felix Mitterers legendärer Piefke-Saga. Der vielleicht letzte bekannte Deutsche – und damit gleichsam die regelbestätigende Ausnahme – ist wohl Gerhard Polt (und der ist Bayer), der im legendären Film Man spricht deutsch seiner Nation den Spiegel vorhält.

Der Deutsche besetzt in aller Herrgottsfrüh den Liegestuhl mit einem Handtuch. Der Deutsche führt seit der deutschen Wiedervereinigung wieder Angriffskriege – 1999 sogar völkerrechtswidrig – und nennt es „humanitäre Intervention“. Der Deutsche exportiert Waffen in aller Herren Länder und trägt so zu Krieg, Elend, Not und Flucht bei. Der deutsche Europäer unterwirft Griechenland einer brutalen Austeritätspolitik. Der Deutsche fragt beim Betreten eines Geschäfts oder Wirtshauses im Ausland zu allererst „Sprechen Sie deutsch?“. Der Deutsche serviert das Wiener Schnitzel mit „Tunke“.

Der Siegestaumel, in den der Österreicher am Mittwoch verfallen ist, ist die Schadenfreude, wenn David Goliath bezwingt. Der Österreicher hat ein bisserl mitgewonnen. Die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Grolls des Österreichers auf den Deutschen kennt wohl nur Bertolt Brechts Herr Keuner, der bemerkt hat, dass er zum Nationalisten geworden ist, weil er einem Nationalisten begegnet ist.

P.S.: Der Österreicher sollte bedenken, dass er auf den Bulgaren vielleicht auch nicht besser wirkt, als der Deutsche auf den Österreicher oder der Engländer auf den Schotten.

BILD

Die BILD-Zeitung wurde am Tag nach dem deutschen Vorrundenaus übrigens in ganz Graz nicht ausgeliefert. „Vielleicht hams as gar net druckt“, lacht die Trafikantin am Grazer Hauptplatz. Diese Trophäe des Triumphs, die für den Deutschen wohl das Schandmal meiner Schadenfreude ist, bekomme ich von einer deutschen Freundin als Mitbringsel. Auch ihr geht der 2006 beim „Deuschen Sommermärchen“ entfesselte „Party-Patriotismus“, der sich in den Siegeszügen der AfD fortsetzt, gehörig auf den Zeiger.

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