»Ein fremder Doctor in einem hiesigen Verein«

Karl Marx in Wien. Der zehntägige Aufenthalt des 30-jährigen Denkers und Revolutionärs im Spätsommer 1848 sorgt für ordentlich Wirbel. Auch wenn der Einfluss seines theoretischen und praktischen Wirkens auf die österreichische Arbeiterbewegung enorm ist, so bleibt der Einfluss, den er direkt nimmt, überschaubar. Interessant ist er allemal.

Lesezeit: 7 Minuten

1848-08-30 Wiener Zeitung Marx angekommen_Ausschnitt

„Der Redakteur en chef der Neuen Rheinischen Zeitung, Karl Marx, ist gestern auf einige Tage nach Wien abgereist“, bemerkt selbige Zeitung am 25. August. „Hr. Carl Marxe, Dr. der Philosophie, von Paris“, notiert die Wiener Zeitung für den 27. August 1848 in ihrer Rubrik „Angekommen“.

Arm und reich und die Revolution in Österreich

Während Adel und Obrigkeiten im Luxus schwelgen, leidet der Großteil der Bevölkerung bittere Armut. Im März 1848, nach einem Hungerwinter, überzieht eine Welle revolutionärer Erhebungen Europa und macht auch vor der Habsburger-Monarchie nicht halt. An vielen Orten brachen nationale Aufstände aus. In Ungarn, Tschechien und anderen Kronländern verlangen die Menschen Selbstbestimmungsrechte. Am 13. März schließlich erreicht die Revolution auch Wien. Das Großbürgertum erbittet eher zurückhaltend mehr Mitsprache im absolutistisch regierten Feudalsystem, die Studenten, meist Söhne aus bäuerlichem und proletarischem Elternhaus, bringen ihre liberalen Forderungen radikaler vor. Sie verlangen Versammlungs- und Pressefreiheit. Der Einsatz des Militärs macht eine friedliche Demonstration schließlich zur Revolution. Die Menschen verwüsten Einrichtungen des verhassten Staates wie Polizeiposten und Steuerämter, Arbeitslose stürmen Fabriken und zerstören die Maschinen, die sie für ihre Arbeitslosigkeit verantwortlich machen. Schließlich dankt der als Unterdrücker verhasste Klemens Wenzel Lothar von Metternich ab.

Unter dem Eindruck der massenhaften Erhebungen, vor allem in den Vorstädten, ist der Staat zu Zugeständnissen bereit. Presse- und Versammlungsfreiheit werden gewährt, eine Verfassung in Aussicht gestellt und die Nationalgarde gegründet – eine Art Volksbewaffnung, von der allerdings die „niederen Stände“ wie Handwerker oder Tagelöhner ausgeschlossen sind. Die Nationalgarde ist es auch, die in den Vorstädten „Ruhe und Ordnung“ herstellt, was mehr Menschenleben fordert, als das Wüten des Militärs in der Wiener Innenstadt.

Das von Karl Marx und Friedrich gemeinsam verfasste Manifest der Kommunistischen Partei, das zum Fundament der modernen Arbeiterbewegung werden sollte, erscheint im Februar 1848. Sozialistische und kommunistische Ideen sind in Österreich nicht verbreitet – noch nicht. Zu dicht ist das Netz der Zensur im metternichschen Vormärz. Auch das den Arbeitern auferlegte Wanderverbot hält sie davon ab, sich mit dem politisch bereits bewussten Proletariat anderer Länder auszutauschen.

Kenntnisse über das Werk und Wirken von Marx und Engels hatte jedoch die Wiener Geheimpolizei. Die Deutsch-Französischen Jahrbücher werden an der Grenze abgefangen und in den Polizeiberichten mitunter recht umfangreich Fakten und Fiktionen gewälzt – wahrscheinlich auch, um die Notwendigkeit der eigenen Existenz als Geheimpolizei zu unterstreichen.

Weder im von Friedrich Sander gegründeten Ersten Wiener Arbeiterverein, der bis zu 8.000 Mitglieder zählt, noch im weiter links stehenden, von Adolf Chaisés geführten Radicalen Liberalen Verein, weiß man von Marx Vorstellungen des Kommunismus.

Auch wenn die Arbeiter und Arbeiterinnen eine entscheidende Rolle in den revolutionären Ereignissen spielen, kommen die Errungenschaften zum Großteil nur dem Bürgertum zugute. Die Arbeiterschaft bleibt vom Wahlrecht weitgehend ausgeschlossen.


Marx kommt in Wien an

1848-09-17_Wiener-Zeitung

Über einen „fremde Doctor in einem hiesigen Verein“ empörte sich die Wiener Zeitung.

Am Abend des 27. August kommt Karl Marx nach einer 31-stündigen Fahrt mit dem Zug von Berlin am Wiener Nordbahnhof an. Wenige Tage zuvor haben sich hier noch massive Straßenkämpfe abgespielt. In dem als „Praterschlacht“ in die Geschichte eingegangenen Ereignis haben Nationalgarde und Militär eine Demonstration gegen Lohnkürzungen mit brutaler Gewalt aufgelöst. Mehrere Todesopfer sind zu beklagen, und selbst in bürgerlichen Zeitungen ist die Empörung darüber groß.

Diese Ereignisse sind auch Gegenstand einer hitzigen Debatte im Demokratischen Klub, dem unterschiedliche linke, republikanische Strömungen angehören, die sich mit der sozialen Frage auseinandersetzen. Auch Marx nimmt teil. Einstimmig verurteilt man die Ereignisse des 23. August und kommt überein, den Rücktritt des Arbeitsministers Ernst Schwarzer Edler von Heldenstamm zu fordern, dessen Lohnkürzungen Auslöser der Massenproteste gewesen sind. Uneinigkeit besteht darin, an wen man sich denn mit der Forderung von Schwarzers Rücktritt wenden soll. Die einen meinen an den Kaiser, die anderen meinen an das Parlament. Marx meldet sich zur Wort und meint – an die Arbeiter und Arbeiterinnen.

Im Wortlaut ist seine Rede nicht überliefert, ihr Inhalt lässt sich aber rekonstruieren. Einen Bericht findet man in der Zeitschrift Der Radicale:

„Herr Marx meinte, es sei gleichgültig, wer Minister sei, denn es handle sich hier wie in Paris um den Kampf zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat. Seine Rede war sehr geistvoll, scharf und belehrend. Herr Jellinek suchte Herrn Marx zu widerlegen. Er setzte die Verhältnisse den französischen scharf gegenüber. Daraus ergab sich ihm der Unterschied. Er wies auf eine überzeugende Art nach, daß die Wiener Arbeiter keine soziale Anschauung haben, daß sie in der Augustbewegung sich nur um fünf Kreuzer geschlagen haben.“

In der amtlichen Wiener Zeitung vom 17. September wird gegen die gesamte Versammlung polemisiert, am vehementesten gegen Marx:

„So wurde nach allen Seiten gewühlt – hatte doch ein fremder Doctor die Keckheit in einem hiesigen Verein, wo eben über die Absetzung der Minister debattirt wurde, Folgendes zu sagen: „Man hat bis jetzt nur von zwei hohen Gewalten gesprochen, an welche man sich wegen der Absetzung der Minister wenden will, an den Reichstag und an den Kaiser, die höchste Gewalt hat man aber vergessen: das Volk! Wir müssen uns an das Volk wenden, und es mit allen Mitteln bearbeiten. Wir müssen einen Sturm gegen das Ministerium heraufrufen, und auf alle Art, selbst mephistophelischen Mitteln dahin wirken. Wir müssen durch die Presse, durch Placate, durch Conversation dahinarbeiten. Mir sind die Worte unvergeßlich, denn sie enthüllen den ganzen Abgrund, alle Pläne dieser Partei.“ (Hervorhebung im Original)

Marx führt in den zehn Tagen, die er in Wien verbringt, mit vielen führenden Linken Gespräche. Protokolle oder ähnliches gibt es nicht, über die konkreten Inhalte kann man deshalb nur spekulieren. Fest steht, dass Marx schon in seinen Artikeln in der Neuen Rheinischen Zeitung, für die einheitliche Aktion aller fortschrittlichen Kräfte flammende Plädoyers verfasst und die Haltung auch in den Meetings in der österreichischen Hauptstadt eingenommen hat. Solche einheitlichen Aktionen gibt es dann auch in Wien. Das Begräbnis der Toten vom 23. August wird zu einer mächtigen Demonstration aller relevanten politischen Player.


Marx als Korrespondent der Wiener Freien Presse

Jahre später wendet sich der Redakteur und Mitgründer der bürgerlichen Neuen Freien Presse, Max Friedländer, an Marx. Der lebt mittlerweile in London und leidet unter chronischen Geldnöten. Erst schlägt er das Angebot aus, weil ihm die politische Tendenz seiner Artikel vorgegeben wird. „Wenn der Friedländer mir die „Presse“ schickt, so daß ich zuvor sehe, wes Geistes Kind sie ist, und wenn die Kerls einen bloßen wöchentlichen Money article von mir wollen, wofür sie dann natürlich blechen müßten, könnte ich allenfalls auf die Sache eingehn. Von Politics kann keine Rede in diesem case sein“, schreibt er am 22. Dezember 1857 an seinen Freund und Unterstützer Friedrich Engels (MEW 29, 235)

Später, als keine Bedingungen mehr gestellt werden, nimmt er das Angebot an, in der Hoffnung, seine Finanzen als Korrespondent der führenden bürgerlichen Zeitung Österreichs aufzubessern.

 „Jetzt, all conditions laid aside, hat er das Angebot erneuert. Dies jedoch ist Nebensache, da es sich regelmäßig nur um 1 Artikel (20 fcs.) pro Woche handelt. Aber gleichzeitig werde ich ihr Telegrammschicker (in französischer Sprache), 10 fcs. pro Telegramm, und dies, obgleich zeitraubend, ist einträglich.“ (Marx an Engels, 16. April 1859, In: MEW 29, 420)

Die Zahlungsmoral der Presse dürfte aber nicht die beste gewesen sein: „Der Esel Friedländer hatte aber die Hauptsache vergessen, nämlich ein Bankhaus anzuweisen“, ärgert er sich in einem Brief drei Wochen später. (Marx an Engels, 6. Mai 1859, In: MEW 29, 429). Positiver äußert er sich über ihren Inhalt: „Die Wiener „Presse“ ist für ein östreichisches Blatt unter gegebnen Umständen geschickt und anständig redigiert.“ (Marx an Engels, 18. Mai 1859, In: MEW 29, 431)

Namentlich gekennzeichnet erscheint keiner der insgesamt publizierten 52 Artikel von Marx in der Presse. Da und dort wird er lediglich als „berühmter Deutscher Publicist“ bezeichnet.

Spätere Jahre

1883-03-17 Neue Freie Presse, Marx Nachruf

Der Nachruf in der „Presse“ lässt an ihrem ehemaligen Korrespondenten Karl Marx kaum ein gutes Haar.

Friedrich Engels ist in späteren Jahren derjenige, der sich wesentlich öfter und intensiver mit der österreichischen Innenpolitik beschäftigt und auch einen angeregten Briefwechsel mit Victor Adler, dem Gründer der österreichischen Sozialdemokratie, unterhält. Auf die österreichische Arbeiterbewegung, ihre revolutionäre Ungeduld, auch der Frauen, hält er große Stücke. In einem Brief schreibt er einmal:

„Im ganzen und großen sind sie nicht so weit wie die Reichsdeutschen, aber sie sind lebendiger, französischer, zu großen Taten leichter hinzureißen, aber auch zu Dummheiten. Einzeln genommen ist mir der Durschnitts-Östreicher lieber als der Durchschnitts-Reichsdeutsche, der Durchschnitts-Wiener Arbeiter als der Berliner, und was die Frauen angeht, so ziehe ich die Wiener Arbeiterinnen bei weitem vor; die sind von einer naiven Ursprünglichkeit, gegenüber der die Berliner reflektierte Altklugheit unerträglich ist.“ (Engels an Friedrich Adolph Sorge, 7. Oktober 1893, In: MEW 39, 132)

In seinen letzten Lebensjahrzehnt kommt auch Marx noch einige Male in die Donaumonarchie – nach Karlovy Vary, zu Deutsch: Karlsbad, nämlich. Im böhmischen Kurort hält er sich oft gleichzeitig mit einem gewissen Wilhelm Freiherr Marx von Marxberg auf. Der war damals der Wiener Polizeipräsident.

Als Marx am 14. März 1883 in London stirbt, erscheint ein dreispaltiger Nachruf auf der Titelseite der Neuen Freien Presse. Es wird kein gutes Haar an ihm gelassen. „Marx war der Vater jener Sozialdemokratie, mit der es keinen Frieden und keine Versöhnung gibt“, heißt zum Beispiel. Kein Wort davon, dass er Korrespondent der Zeitung war.

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