Un-American

Wie ein Sandalenschinken der McCarthy-Ära den Todesstoß versetzte. Kirk Douglas zum hundertsten Geburtstag.
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Cover der remasterten BluRay-Fassung anlässlich des 50-jährigen Erscheinungsjubiläums 2010

»Spartacus erscheint als der famoseste Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen hat. Großer General (kein Garibaldi), nobler Charakter, real representative des antiken Proletariats«, schrieb Marx an Engels im Februar 1861. In der chauvinistisch gewendeten Sozialdemokratie trug die antimilitaristische Opposition um Luxemburg und Liebknecht, aus der später die KPD entstand, seinen Namen. »Spartakiaden« nannte die Arbeiterbewegung vieler Länder ihre Sportwettkämpfe. Spartacus ist Inbegriff des selbst- und furchtlosen Auflehnens gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Dass die starbesetzte Verfilmung seines Lebens die düstere Ära der politischen Verfolgung in Hollywood beendete, macht Sinn.

Hexenjagd in Hollywood

Ab 1947 wurde der kalte Krieg in den USA auch nach innen geführt. Hysterischer Antikommunismus machte sich breit. Wie Großinquisitoren machten FBI-Chef J. Edgar Hoover und Senator Joseph McCarthy auf alles Jagd, was sie für »subversiv« hielten. Ganz Amerika wähnten sie »infiltriert«. Das »House Committee on Un-American Activities« (HUAC), ein Ausschuss des Repräsentantenhauses, war zur Stelle. Wer im Verdacht stand, links oder Mitglied der Kommunistischen Partei zur sein, wurde vorgeladen, vorverurteilt und kaltgestellt. Allein die Weigerung, vor dem Komitee auszusagen, führte zur Entlassung aus dem Staatsdienst.

Bertolt Brecht wurde 1947 vorgeladen und verließ daraufhin die USA, um über die Schweiz nach Berlin heimzukehren. Offen pro-sowjetische Filme aus Hollywood gab es so gut wie nicht. Dennoch begann auch in Hollywood eine Hexenjagd gegen alles und jeden, der sich des Kommunismus verdächtig machte. Für die Studios galt die »Do Not Hire«-Regel. Denunziationen griffen um sich. Es herrschte ein Klima der Angst und der Arglist. »Der Freund verriet den Freund – nicht um sein eigenes Leben zu retten, sondern um seinen Swimmingpool zu retten«, formulierte es Orson Welles.

Eine umfangreiche »Blacklist« wurde erstellt. Über 320 – reale oder vermeintliche – Linke, die im Filmbusiness arbeiteten, soll sie umfasst haben. Die bekanntesten unter ihnen waren die »Hollywood Ten«: zehn Regisseure und Drehbuchautoren, die sich unter Berufung auf die US-Verfassung weigerten, vor dem Tribunal auszusagen. Wegen »Missachtung des Kongresses« erhielten sie alle Haftstrafen – unter ihnen der begehrteste und bestbezahlte Drehbuchautor Hollywoods, Dalton Trumbo.

Er verbüßte seine elfmonatige Haftstrafe in Ashland, Kentucky. Nach seiner Entlassung musste er unter Pseudonymen arbeiten. Zwei seiner Drehbücher, die er nicht unter seinem echten Namen zeichnen konnte, erhielten Oscars. Er konnte sie nicht entgegennehmen. 300 Kilometer weiter, in West Virginia, saß der kommunistische Schriftsteller Howard Fast im Gefängnis und begann mit den Recherchen über den Anführer des berühmtesten Sklavenaufstands des alten Roms. Als Fast wieder auf freiem Fuß war und nach einem Verleger für »Spartacus« suchte, sträubten sich sämtliche Häuser, den Roman zu publizieren – obwohl seine Bücher bislang Millionenauflagen hatten. Es erschien schließlich im Selbstverlag. Zehntausende Exemplare verschickte Fast von seiner Wohnung aus.

Next Project

Mit den lapidaren Worten »Happy birthday, Kirk! There’s your next project« bekam Kirk Douglas das Buch zu seinem 41. Geburtstag 1957. Seine Karriere ging dem Zenit entgegen, er hatte gerade den Golden Globe als bester Hauptdarsteller für »Vincent van Gogh« gewonnen. Zwei Jahre zuvor hatte er seine eigene Produktionsfirma gegründet. Den Roman las Douglas in einer Nacht.

Inzwischen hatte sich Senator McCarthy zu Tode gesoffen und der Träger des Internationalen Stalin-Friedenspreises, Howard Fast, unter dem Eindruck von Chruschtschows Geheimrede gegen den »Personenkult« Stalins mit der Kommunistischen Partei gebrochen.

Für die Filmrechte verlangte Fast hundert Dollar. Immer noch war es gefährlich, ein solches Projekt in Angriff zu nehmen. Einen Geldgeber zu finden, schien unmöglich, zumal mit »The Gladiators« ein anderes Historienepos bereits auf Schiene war. »Spartacus« gewann das Rennen.

Douglas fungierte nicht nur als Hauptdarsteller, sondern auch als ausführender Produzent. »Spartacus« geriet zu einem der aufwendigsten Filme, die in Hollywood bislang gedreht wurden: An 167 Drehtagen waren über 10.000 Menschen beteiligt. Der blutjunge Stanley Kubrick führte Regie in einem Film mit Starbesetzung: Laurence Olivier, Jean Simmons, Tony Curtis, Peter Ustinov, John Gavin. Das Drehbuch schrieb niemand anders als Dalton Trumbo.

Dass sein Name im Vorspann erschien, war nicht der einzige Aufreger des Films. Wegen einer Szene, in der Jean Simmons nackt zu sehen war, und Kubricks expliziter Darstellung von Gewalt wurde der Film erst ab 16 zugelassen. Eine unverhohlen homoerotische Szene fiel überhaupt der Zensur zum Opfer – und wurde erst 1991 im Zuge der Restaurierung des Films eingefügt.

»McCarthy-wasm«

Douglas betont, dass hinter »Spartacus« nicht die Intention stand, ein politisches Statement zu machen. Er hätte lediglich »versucht, den besten Film zu machen, den er machen konnte«. Dennoch: es war ein Film über einen Sklavenaufstand. Das Drehbuch wurde von einem kommunistischen Staatsfeind geschrieben und fußte auf dem Roman eines kommunistischen Staatsfeindes. Die Schlussszene brandmarkte das Denunziantentum der McCarthy-Ära – und durchbrach es allegorisch.

Kirk Douglas selbst verstand sich nie als Linker. Als Kind bettelarmer russisch-jüdischer Einwanderer stand er jedoch auf der Seite derer, die es sich nicht richten konnten, auf der Seite der Standhaften und Aufrechten, auch wenn ihn enge Freundschaften mit den rabiaten Antikommunisten Walt Disney und John Wayne verbanden. »I never let politics get in the way of a friendship«, sagte er. Er selbst hatte das Glück, nie auf die Blacklist zu kommen.

Am 9. Dezember wird Kirk Douglas hundert Jahre alt. Sein »Spartacus« erhielt vier Oscars und war für zwei weitere nominiert.

 

Der Artikel ist zuerst unter dem Titel »Furchtlose Auflehnung« in der linken Kulturzeitschrift Melodie & Rhythmus erschienen.

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Eine Antwort zu “Un-American

  1. Pingback: „Happy birthday, Kirk! There’s your next project“ | Unsere Zeitung·

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