Anna Rauch, 1927–2015

In der Gehschule bin ich gestanden, hab gefuchtelt und gequakt. Pfarrer oder Politiker würde ich werden, hat die Oma immer gesagt. In der Küche meiner Großeltern, mich an Kredenz, Diwan und Esstisch entlanghantelnd hab ich das Gehen erlernt.

OmaBis zuletzt war es fesselnd, sie über die Zeit, die sie geprägt hatte, erzählen zu hören. Über Dollfuß, »die z’niachte Auk«, den sie nur als Kind am Rande mitbekommen hatte, hat sie nichts übrig gehabt und sich mit Abscheu an die Nazi-Diktatur erinnert. Die »Taugenichtse« und »Versager«, hat sie immer gesagt, »das waren die Brutalsten.« Weil sie das damals arisierte ›Alpenländische Kaufhaus‹ als ›Kastner und Öhler‹ bezeichnet hatte, war sie von einem Berufsschullehrer in Graz geschlagen worden. Dass sie in der Zeit, in der sie dann zum ›Reichsarbeitsdienst‹ einzogen war, Essen gestohlen hatte, um es den jüdischen Zwangsarbeitern heimlich zuzustecken, hat sie erst erzählt, nachdem der Opa gestorben war, der als fanatisierter 17-Jähriger jubelnd ausgezogen und gebrochen aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrt war. Ohne sich als solche zu verstehen, war sie immer Antifaschistin. Ihre Menschlichkeit und ihre Empathie – vermutlich hätte sie es Nächstenliebe genannt – haben mich geprägt.

»Kauf da wos Schäins« oder »Moch wos Klasses«, hat sie gesagt, wenn sie meiner Cousine, meinem Bruder oder mir Taschengeld gegeben hat. Mit dem Sparen hat sie nichts anzufangen gewusst. Als sie nach dem Krieg in die Schweiz gegangen war, um bei einer jüdischen Familie, die sie bald sehr ins Herz geschlossen hatte, als Zimmermädchen zu arbeiten, sparte sie genug Geld, um für sich und ihren Mann eine Eigentumswohnung zu kaufen. Das ganze Ersparte fiel der Währungsreform im Winter 1947 zum Opfer. Das Sparbuch verheizte sie im Ofen.

»Wer waaß, fia wos guat is«, war der Satz, den sie immer parat gehabt – und der einen immer zur Weißglut gebracht hat, wenn man ihr verzweifelt das Herz ausgeschüttet hat. Liebeskummer, das Durchfallen in der 5. Klasse oder die geplatzte Lehrstelle: Sie hat recht behalten.
Fatalistische Zuversicht und fröhliche Bescheidenheit waren Kerne ihres Wesens, die sie nie haben aufgeben lassen. Eine stille Kämpferin war sie.
Zweimal hat sie in den letzten beiden Jahrzehnten den Krebs besiegt. In der Nacht auf den 5. Oktober ist zuhause friedlich entschlafen. Ohne Schmerzen. Das ist das Wichtigste.

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