Zuerst im All, zuerst im Arsch

Über Produktivität und Innovationskraft des ehemals „real existierenden Sozialismus“. Eine historische Skizze als Debattenbeitrag zur Sozialismus-Diskussion.

Die Sowjetunion – und mit ihr die anderen Länder, in denen versucht wurde, den Sozialismus aufzubauen – erreichte Großartiges und ging doch zugrunde. Während der großen Krise der 1930er verblüffte die UdSSR die Welt mit ihrem Wirtschaftswachstum, obwohl sie sich kurz davor noch im ökonomischen Mittelalter befand. Während des ersten Höhepunktes des kalten Krieges gelang es der Sowjetunion, die Atombombe zu bauen, bevor sie von den USA gegen sie eingesetzt wurde. Nachdem 1954 Laika, eine sowjetische Hündin, das erste Lebewesen von der Erde im All, 1957 Sputnik, der erste künstliche Satellit in der Erdumlaufbahn, 1959 Lunik 2, der erste Flugkörper auf der Mondoberfläche, und 1961 Juri Gargarin der Mensch im Kosmos war, schrieb die Sowjetunion 1963 ein weiteres Mal Raumfahrtgeschichte: Walentina Tereschkowa war die erste Frau im Weltraum und sollte für 19 Jahre auch die einzige bleiben.

Walentina Wladimirowna Tereschkowa (*1936) mit Juri Alexejewitsch Gagarin (1934–1968)

Walentina Wladimirowna Tereschkowa (*1936) mit Juri Alexejewitsch Gagarin (1934–1968)

Erst 1969 gewannen die USA das space race, und Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond. Zwanzig Jahre später implodierte die sozialistische Staatengemeinschaft, auch deshalb, weil sie daran scheiterte, „den Rückstand in der Produktivität und im Lebensstandard gegenüber den entwickelten kapitalistischen Ländern aufzuholen“,1 wie die KPÖ Steiermark in ihrem Programm schreibt. „Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei“,2 mahnte schon Lenin in seiner Streitschrift gegen den linken Radikalismus ein. Grund genug, sich mit dieser Frage zu befassen.

Ausgangslage? – Mittelalter.

Das Leid, das der erste Weltkrieg über Russland gebracht hatte, führte in der Bevölkerung zu einem radikalen Sinneswandel. Nachdem auch der Sturz des Zaren im Februar 1917 und die Etablierung einer bürgerlichen Regierung den Krieg nicht beendeten, wurde es immer offensichtlicher, dass ein Ende des Krieges mit dem Ende des Kapitalismus untrennbar verknüpft war. „Alle Macht den Sowjets“ lautete die Losung der Bolschewiki.

„HILFE!“ Die ersten Jahre Sowjetrusslands waren von Hunger und Bürgerkrieg geprägt.

„HILFE!“
Die ersten Jahre Sowjetrusslands waren von Hunger und Bürgerkrieg geprägt.

Als am 7. November 1917 die Oktoberrevolution ihren Ausgang nahm, waren Land, Brot und Frieden die unmittelbaren Ziele. In den Ländern Westeuropas, in denen die Arbeiterbewegung eine viel stärkere war, übten die revolutionären Ereignisse eine nicht zu unterschätzende Wirkung aus. Arbeiteraufstände in vielen Ländern und die Räterepubliken in Ungarn und Bayern schafften es jedoch nicht, sich durchzusetzen. Sowjetrussland blieb auf sich allein gestellt.

Das Ancien Régime ließ der jungen Sowjetrepublik keine Atempause. Bürgerkrieg und militärische Intervention von Deutschland, Japan und anderen, gegen die sich die Rote Armee schließlich durchsetzen konnte, hinterließen ein völlig verwüstetes Land, das schon zuvor über keine nennenswerte Industrie verfügte und im Wesentlichen ein agrarisch geprägtes Land war. Der „Sozialismus erfordert einen bewußten und massenhaften Vormarsch zu einer höheren Arbeitsproduktivität als unter dem Kapitalismus, und zwar auf der Basis des durch den Kapitalismus Erreichten“,3 hielt Lenin 1918 gleichsam programmatisch fest.

Unter den Voraussetzungen der Intervention und des Bürgerkriegs wurde in der Etappe des sogenannten „Kriegskommunismus“ versucht, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen aber auch die Überwindung des Privateigentums an Grund und Boden sowie den entscheidenden Produktionsmitteln zu gewährleisten. Experimente und mangelnde ökonomische Kenntnisse trugen zu den Turbulenzen in dieser Phase bei.

Internationale Isolation, wirtschaftliches Mittelalter und eine Bevölkerung, die weitgehend nicht lesen und schreiben konnte, waren die Bedingungen, die der in Russland wenig entwickelte Kapitalismus zur Verfügung stellte. Schlechte Voraussetzungen also, unter denen zum Aufbau des Sozialismus4 übergegangen werden musste.

Die „Neue Ökonomische Politik“
Oder: Von nix kommt nix.

Die arbeitenden Menschen in Sowjetrussland begannen mit Hingabe ein Aufbauwerk. Lenin prägte in seinem Aufsatz „Die große Initiative“ den Begriff der Subbotniks, das vom russischen Wort für Samstag herrührt. Sie „leisten ohne jede Bezahlung Überstundenarbeit und erreichen eine ungeheure Erhöhung der Arbeitsproduktivität, obwohl sie müde, abgerackert, durch Unterernährung erschöpft sind“,5 schrieb er.

Aus dem Russland der NÖP wird das sozialistische Russland entstehen.

„Aus dem Russland der NÖP wird das sozialistische Russland entstehen.“

Wirtschaftlich am Boden liegend, wurde versucht, aus den begangenen Fehlern des Kriegskommunismus die Lehren ziehend, vorerst Marktmechanismen zu nutzen und sich mit Zugeständnissen an das Kapital wieder aufzurichten, um überhaupt die Grundlagen herzustellen, um den Aufbau des Sozialismus in Angriff zu nehmen.

Die „Neue Ökonomische Politik“ wurde 1920 am Parteitag der Kommunistischen Partei beschlossen. Während am staatlichen Außenhandelsmonopol festgehalten wurde und die entscheidenden Sektoren der Industrie in öffentlicher Hand blieben, wurde in Handel und Gewerbe privates auf Profit orientiertes Wirtschaften zugelassen, denn das kaum vorhandene Handelsnetz, mangelnde Kenntnisse und der fehlende Apparat erschwerten die Etablierung von umfassenden, staatlich kontrollierten Handelsbeziehungen. Das hatte auch zur Folge, dass sich eine neue bourgeoise Schicht bildete, die durch die Produktion von knappen Waren und den Handel mit ihnen rasch zu relativem Reichtum kam. Dennoch: die materielle Basis für die Wiederherstellung der Wirtschaft wurde geschaffen.

Nachdem 1922 mit Wladiwostok das letzte Stück sowjetischen Gebiets von japanischen Okkupationstruppen befreit wurde, gründete sich bereits im Dezember die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Weil es ökonomisch wieder bergauf ging, wurde in einer zweiten Phase der NÖP damit begonnen, die privatkapitalistische Tätigkeit steuerlich und gesetzlich einzugrenzen und wieder zurückzudrängen. Gleichzeitig wurden umfassende Bildungsprogramme gestartet. Mitte der zwanziger Jahre konnte ökonomisch das Vorkriegsniveau wiederhergestellt werden. Der Fokus lag nun auf dem Aufbau der Schwerindustrie und des Transportwesens, um eine solide wirtschaftliche Basis zu erreichen.

Die „Fünfjahrpläne“
Oder: Sein oder nicht sein.

Während die Weltwirtschaftskrise 1929ff. die kapitalistischen Länder in die Rezession und ihre Bevölkerungen ins Elend stürzte, verzeichnete die Sowjetunion infolge der gewaltigen – und gewaltsamen – Industrialisierung6 einen wirtschaftlichen Aufschwung. Gleichzeitig gab es in der UdSSR nicht nur bis Ende der 1920er Jahre massive Schwierigkeiten, die eigene Bevölkerung ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen, sondern ab 1932 auch eine – nicht zuletzt durch eigene politische Entscheidungen verstärkte – Hungersnot.

Befreite Frauen, baut den Sozialismus auf!

„Befreite Frauen, baut den Sozialismus auf!“

Aus eigener Kraft versuchte die Sowjetunion, sich aus dem Loch der wirtschaftlichen Rückständigkeit zu ziehen. Unter enormen Anstrengungen wurden während des ersten Fünfjahrplans 1.500 neue Industrien aus dem Boden gestampft. Die Begeisterung, mit der sich die Bevölkerung am Aufbau beteiligte, zeigte sich in vielerlei Hinsicht.

Die erste Linie der Moskauer Metro – durch überwiegend freiwillig geleistete Arbeit errichtet – wurde 1932 eröffnet, was Bertolt Brecht die bewundernden Worte abrang:

Wir hörten: 80.000 Arbeiter
Haben die Metro gebaut, viele noch nach der täglichen Arbeit
Oft die Nächte durch.

Im Spannungsverhältnis zwischen Zwang und Terror auf der einen und Begeisterung und Aufbauarbeit auf der anderen Seite wurde durch die Fünfjahrpläne die Grundlage einer Gesellschaftsordnung geschaffen, die eine zentrale Kategorie des marx‘schen Verständnis von Sozialismus erfüllte: Der gesellschaftlich geschaffene Reichtum, das Mehrprodukt, wurde nicht mehr privat, sondern gesellschaftlich angeeignet.7

Auch wenn das Wachstumstempo enorm und die Entwicklung der Produktionstechniken erstaunlich schnell waren, erreichte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf bzw. die Arbeitsproduktivität nicht das Niveau der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder.

Nachdem in Deutschland die Macht an die NSDAP übertragen worden war, dessen Außenpolitik sich immer aggressiver gegen die Sowjetunion richtete, konnte das Hauptaugenmerk nicht mehr allein auf der Entwicklung der Grundstoff-Industrie liegen. Die Rüstung musste forciert werden.

Das extensive Wirtschaftswachstum und die kollektiven Anstrengungen der Menschen machten es schließlich möglich, den Überfall der Nazis 1941 abzuwehren und danach gemeinsam mit den anderen Ländern der Anti-Hitler-Koalition Europa vom Faschismus zu befreien. Mit mehr als 20 Millionen Toten – SoldatInnen und ZivilistInnen – zahlte die Sowjetunion dabei den höchsten Blutzoll.

„Einholen und überholen“

Der zweite Weltkrieg hinterließ Verwüstungen ungeahnten Ausmaßes. Nach der Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad wurden die deutschen Truppen angewiesen, bei ihrem Rückzug von sowjetischem Territorium nichts als verbrannte Erde zurück zulassen. Erneut musste ein riesiges (Wieder-)Aufbauprojekt in Angriff genommen werden – und das angesichts des Aufkommens des „Kalten Krieges“. Rasch war die Einigkeit der Anti-Hitler-Koalition nach Kriegsende vorüber. Die Gräben zwischen dem westlich-kapitalistischen Lager und den Ländern Ost- und Südosteuropas, die sozialistische Entwicklungswege einschlugen, vertieften sich bis 1956 zusehends.8

Der neue Fünfjahrplan – der Fünfjahrplan des Großen Aufbaus

„Der neue Fünfjahrplan
– der Fünfjahrplan des Großen Aufbaus“

Wiederum stieg die Sowjetunion wie der sprichwörtliche Phönix aus der Asche. Es gelang, 1948 das Atombombenmonopol der USA zu überwinden und so zu verhindern, dass Nuklearwaffen gegen die UdSSR eingesetzt wurden. Das sowjetische Raumfahrtprojekt veranschaulicht, wozu die sozialistische Ökonomie – allen Widrigkeiten zum Trotz – in der Lage war.

Zwar verzeichnete die Sowjetunion in den 1960ern gute Wachstumszahlen, was aber nicht auf Produktivitätssteigerungen zurückzuführen war. So wurde zwar die Produktion erweitert und mehr Betriebe errichtet, das Niveau von Technologie und Produktivität in den meisten Sektoren jedoch nicht wesentlich erhöht. Auch der Pioniergeist ebbte allmählich ab. Jahrzehnte des (welt-)politischen Ausnahmezustands und der Aufopferungsbereitschaft der Bevölkerung führten zur Erschöpfung.

Strategien zur Produktivitätssteigerung in der Chruschtschow-Ära zeigten nicht nur nicht die erhofften Resultate, sondern untergruben in letzter Instanz die sozialistische Produktionsweise – etwa die faktische Privatisierung der Maschinen-Traktoren-Stationen.

Auf den (im Wesentlichen von USA durch den Marshallplan finanzierten) Nachkriegsaufschwung in den kapitalistischen Ländern Westeuropas und den damit korrelierenden relativen Anstieg des Massenkonsums, reagierte man in den sozialistischen Ländern mit der Fokussierung auf die Leicht- und Konsumgüterindustrie und vernachlässigte so den Aufbau der schwerindustriellen Grundlagen.

Die Devise „Einholen und überholen!“ verkam zur Phrase. Die Zuversichtsparolen verstiegen sich bis zur siegessicheren Traumtänzerei. Im neuen Programm der KPdSU von 1961, das auch in der Wahrheit, der damaligen Tageszeitung der steirischen KPÖ, als Sonderbeilage veröffentlich wurde, hieß es: „Die Partei verkündet feierlich: Die heutige Generation der sowjetischen Menschen wird im Kommunismus leben.“9

Monetäre Anreize zur Leistungssteigerung wurden in der Zeit unter Leonid Breschnew zurückgefahren, jedoch schaffte es der neue Egalitarismus10 nicht (mehr), breite Schichten zu begeistern. Sein und Schein klafften immer weiter auseinander. Mangelnde Demokratie bei der Erstellung der Fünfjahrpläne steigerten die Entfremdung.

Die Stagnationserscheinungen spiegelten sich schließlich auch im gesellschaftlichen Bewusstsein wider. Der Sozialismus als die Massen mobilisierendes Projekt, als Ideal, für dessen Verwirklichung die Menschen bereit waren, Strapazen und Opfer in Kauf zu nehmen, verlor an Strahlkraft.

Die „wissenschaftlich-technische Revolution“ verschlafen?

Der Kapitalismus in Westeuropa mit seinem keynesianischen Wirtschaftsmodell schlitterte zu Beginn der 1970er in eine Wirtschaftskrise, die das Ende der Phase des Nachkriegsaufschwungs einläutete. Das trug auch dazu bei, dass in den sozialistischen Ländern die Innovationskraft des Kapitalismus und seine Fähigkeit zu Stabilisierung unterschätzt wurden. Durch Privatisierungen, massiven Sozialabbau, Lohnkürzungen, Massenentlassungen und Spekulation – Maßnahmen, die gemeinhin mit dem Begriff „Neoliberalismus“ zusammengefasst werden – konnte die westliche Profitwirtschaft jedoch am Leben gehalten werden. Zentral war dabei die Automatisierung vieler Bereiche der Produktion sowie der immer allseitigere Einsatz des Computers. „Da die wissenschaftlich-technische Revolution auf […] zur Grundlage einer Revitalisierung des entwickelten Kapitalismus wurde, mussten sich die Positionen des realen Sozialismus in der Systemauseinandersetzung dramatisch verschlechtern“,11 heißt es dazu beim kommunistischen Publizisten Willi Gerns.

In der Einheit von Produktion und Wissenschaft – die Kraft und die Zukunft des Landes

„In der Einheit von Produktion und Wissenschaft
– die Kraft und die Zukunft des Landes“

Erstarrte politische Strukturen behinderten die Innovationskraft des Sozialismus. Die wissenschaftliche technische Revolution wurde „verschlafen“.

Zwei miteinander dialektisch zusammenhängende Umstände dürfen dabei nicht unterschätzt werden. Erstens der weltpolitische Rahmen des Kalten Krieges: Das Wettrüsten band ungeheure Ressourcen, die anderen Bereichen der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung fehlten. Zweitens: Die Tatsache, dass die Sowjetunion und die Volksdemokratien keine Kolonien ausplünderten, um sich (billige) Rohstoffe zu sichern.

Eine Dezentralisierung war in den Augen der führenden ÖkonomInnen die richtige Strategie, um die immer behäbigere Wirtschaftsplanung zu erneuern. Solche Modelle fanden in vielen Ländern Anwendung, wenn auch in unterschiedlicher Ausgestaltung. Gemeinsam war ihnen der Ansatz, dass sich eine sozialistische Ökonomie Elemente der Marktwirtschaft zunutze machen könnte.

Eine Kapitulation war das jedoch nicht. In der DDR etwa konnte mit dem „Neuen ökonomischen System der Planung und Leitung“, kurz: NÖS oder NÖSPL, von 1963 bis 64 die Arbeitsproduktivität um sieben Prozent gesteigert werden. Die deutsche Links-Politikerin und Publizistin Sahra Wagenknecht betonte 1992:

Ökonomisch etwa sollte die Wirksamkeit des Plans mitnichten zugunsten freigelassener Marktmechanismen eingeschränkt werden. Der Sinn der Maßnahmen bestand im Gegenteil darin, vermittels jener eine erhöhte Planmäßigkeit (die von einer überzentralisierten Wirtschaft gar nicht erreicht werden kann) zu realisieren.“12

Dezentralisierung sowie Leistungs- und Innovationsanreize waren der Kern dieses Projekts. Das trug auch dem marx’schen Gedanken Rechnung, dass erst in der höheren Phase der kommunistischen Entwicklung – also einer Gesellschaft, in der es im Weltmaßstab weder Klassen noch Staaten geben wird – das Leistungsprinzip überwunden werden kann: „nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“13 Allerdings, so hält der marxistische Wirtschaftshistoriker Jörg Roesler fest, „wurden die – in Richtung Differenzierung tendierenden – sozialen Auswirkungen der Reformen von der Mehrheit der Bevölkerung nicht unbedingt honoriert“.14

Auch in der Tschechoslowakei wurde versucht, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stagnationserscheinungen zu überwinden. Die mangelhafte und teilweise unterlassene Umsetzung dieser Strategien mündeten in einen Führungswechsel in der KPČ, in Wirtschaftsreformen, die eine Inflation nach sich zogen, und schließlich in einer Eigendynamik, die – in westlichen Medien als „Prager Frühling“ gefeiert – drohte, den Kapitalismus in der ČSSR zu restaurieren. Das war der Grund, warum nach langen Verhandlungen schließlich Truppen des Warschauer Vertrages einmarschierten.15

In der Ära Breschnew wurden viele dieser ökonomischen Versuche wieder zurückgenommen. Umso breitere Kreise die Stagnation zu ziehen begann, umso häufiger und bald gebetsmühlenartiger wurde der Begriff der „Vervollkommnung“ verwendet. Ökonomische Grundsatzdebatten traten in den Hintergrund, dogmatisches Herangehen an selbige gewann die Überhand.

Zusammenbruch

Mitte der 80er Jahre waren die Stagnationserscheinungen nicht mehr zu übersehen. „Die marxistische Theoriebildung verlor auf dem Gebiet der politischen Ökonomie ihre innovative Fähigkeit, weil ihr verlässliche Kriterien zur Lösung aktueller Probleme fehlten. Der Realsozialismus ging zugrunde, weil er hinsichtlich der Arbeitsproduktivität keine Überlegenheit erlangte, sondern gegenüber den kapitalistischen Industrieländern zurückfiel,“16heißt es dazu in unserem Landesprogramm.

Tod dem Kapital oder Tod unter dem Kapital!

„Tod dem Kapital oder
Tod unter dem Kapital!“

Der Lebensstandard stockte und die Konsumgüterknappheit wurde immer augenscheinlicher. Strategien zur Überwindung waren vielschichtig und einander oft widersprechend. Modernisierung und Innovation hätten einen Kraftakt erfordert, der scheinbar nicht mehr zu setzen war.

Mit dem Ruf „Zurück zu Lenin!“ trat Gorbatschow an die Spitze der Sowjetunion und erweckte große Hoffnungen. Mit seiner Politik der „Perestroika“ (russisch für „Umbau“) setzte er jedoch – wie sich herausstellen sollte – ein Programm um, das die Krise der Sowjetunion verschärfte und es ab 1988 sogar zu einem Rückgang der Produktion kam. Dem begegnete die sowjetische Führung mit klassisch kapitalistischen Maßnahmen: Schließung statt Modernisierung unrentabler Betriebe, Lockerung des Außenhandelsmonopols, Privatisierungen, Druck auf die Beschäftigten durch Arbeitslosigkeit und Zurückdrängen der Frauen aus der Berufstätigkeit, „um es den Frauen zu ermöglichen, zu ihrer eigentlichen weiblichen Lebensaufgabe zurückzukehren“17, wie Gorbatschow in seinem programmatischen Buch Perestroika schrieb.

Am Ende dieser Entwicklung stand die aus Moskau verordnete politische Selbstaufgabe des Sozialistischen Lagers und sein Zerfall. Gorbatschow selbst bekannte in einem mit dem deutschen Magazin Der Spiegel im Jänner 1993: „Wenn Sie meine Aussagen nehmen, dann wird ihnen klar, daß meine politischen Sympathien der Sozialdemokratie gehören und der Idee von einem Sozialstaat nach der Art der Bundesrepublik Deutschland.“18

Die Politik des Realsozialismus war teils richtige, teils verfehlte, teils vereitelte Politik“,19 heißt es in unserem Landesprogramm. Richtig war in den Jahrzehnten des real existierenden Sozialismus etwa die Beseitigung von Analphabetismus, Arbeits- und Wohnungslosigkeit, die umfassende Kinderbetreuung und die für alle gewährleistete Gesundheitsversorgung. Verfehlt war die unterentwickelte Demokratie, die Erstarrung und Kanonisierung der marxistischen Theoriebildung. Vereitelt wurde die Entfaltung und Vertiefung des Sozialismus durch den Kalten Krieg: Wettrüsten und atomare Bedrohung, Infiltration und Spionage sowie ökonomischer Druck und Embargopolitik.

Vom angeblichen „Versagen der Planwirtschaft“ ist heute oft die Rede, und dass der Mensch nicht für den Sozialismus brauchbar wäre. Versucht man zu bilanzieren – und klammert den heutigen Kapitalismus und seine Funktionsweise nicht aus –, so zeigt sich: Die Planwirtschaft hat in Zeiten der tiefen Weltwirtschaftskrise bewiesen, dass sie dem angeblich freien Markt, der Konkurrenz des Kapitalismus und den brutalen nationalen Rivalitäten des Imperialismus die Stirn bieten konnte. So wurde ein rückständiges, im Wesentlichen agrarisch geprägtes Land in kürzester Zeit zur Industrienation, auch wenn die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften in der Frage der Produktivität nie ein- oder gar überholt werden konnten.

Die ökonomischen Voraussetzungen sind für eine Gesellschaft, die frei von Arbeitslosigkeit, von Wohnungsnot, von Sozialabbau, von Krieg ist, sind vorhanden.

Erschaffe! Erfinde! Erprobe!

„Erschaffe! Erfinde! Erprobe!“

Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit könnten aus der Gesellschaft verbannt werden. Die materiellen Grundbedürfnisse einer/s jeden könnten befriedigt, die kulturellen und politischen Freiheiten aller könnten verwirklicht werden“.20 Und dabei wird – wie Lenin betont hat – der „Vormarsch zu einer höheren Arbeitsproduktivität als unter dem Kapitalismus“21 entscheidend sein.

Schon für Marx ist die Arbeitsproduktivität der entscheidende Faktor, um ein größtmögliches Maß an Freiheit einer Gesellschaft zu gewährleisten: „Der wirkliche Reichtum der Gesellschaft und die Möglichkeit beständiger Erweiterung ihres Reproduktionsprozesses hängt [… ab …] von ihrer Produktivität und von den mehr oder minder reichhaltigen Produktionsbedingungen, worin sie sich vollzieht. Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. […] Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den, ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann.“22

So wie die Menschen aus egoistischen Ellbogendünkel und resignierter Lethargie herausgerissen werden müssen, um eine Bewegung zu schaffen, die sich radikalen Abbau sozialer und demokratischer Errungenschaften erfolgreich entgegenstellen kann, so sehr braucht es eine Perspektive, um eine tatsächliche Gegenmacht zum Kapitalismus aufzubauen und ihn zu überwinden.

Dazu benötigen die Menschen eine klare Alternative: den Sozialismus. Und diese Alternative können nur wir KommunistInnen ihnen bieten.

Erschienen in einer Sondernummer der Partei in Bewegung.

_________________________

1 Programm der KPÖ Steiermark, S. 27.
2
 W. I. Lenin, Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, In: LW, Bd. 31, S. 42.
3
 W.I.Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, In: LW, Bd. 27, S. 238.
4
 1915 folgerte W.I.Lenin über die Perspektiven der revolutionären Entwicklung, „dass der Sieg des Sozialismus zunächst in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist. Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten und nach Organisierung der sozialistischen Produktion im eigenen Lande der übrigen, der kapitalistischen Welt entgegenstellen…“ (W.I.Lenin, Über die Losung der vereinigten Staaten von Europa, In: LW, Bd. 21, S. 246.)
5
 W.I.Lenin, Die große Initiative, In: LW, Bd. 29, S. 416.
6
 Um hier ausführlich über diese Periode – mit allen Verdiensten, Verfehlungen und Verbrechen – zu reflektieren, fehlt der Platz, weshalb sich die Ausführungen auf einen Überblick der wesentlichen ökonomischen Aspekte beschränken.
7
 Vgl. W. Paul Cockshott / Allin Cottrell, Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie, Köln 2012, S. 17–20.
8
 Für eine ausführlichere Darstellung fehlt hier der Platz. Bei näherem Interesse vgl. z.B.: Luciano Canfora, Zeitenwende 1956. Entstalinisierung, Suez-Krise, Ungarn-Aufstand, Köln 2012.
9
 Beilage zur Wahrheit, 19. August 1961.
10
 Vom französischen égalité = Gleichheit. Gesellschaftliche und Einkommensunterschiede sollten ausgeglichen werden.
11
 Willi Gerns, Der Sozialismus. Bilanz und Perspektive (= Marxistische Blätter. Flugschriften 16), Essen 2003, S. 20f.
12
 Sahra Wagenknecht, Marxismus und Opportunismus – Kämpfe in der Sozialistischen Bewegung gestern und heute.
13
 Karl Marx, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, In: MEW Bd. 19, S. 21.
14
 Jörg Roesler, Ökonomie des Sozialismus. Historische Erfahrungen mit ihr als Beitrag zu Überlegungen für ihre zukünftige Gestaltung, In: Marxistische Blätter 5/2013, S. 73.
15
 Wiederum fehlt hier der Platz, diese Ereignisse nachzuzeichnen. Ausführlicher habe ich damit in meiner Willi-Gaisch-Biografie auseinandergesetzt: Hanno Wisiak, „Wenn man eine richtige Haltung hat, ist immer Platz für Optimismus“. Willi Gaisch 1922–2009, Graz 2011, S. 106–113.
16
 Programm der KPÖ Steiermark, S. 26.
17
 Michail Gorbatschow, Perestroika, München 1987, S. 147.
18
 Der Spiegel, 18. Jänner 1993.
19
 Programm der KPÖ Steiermark, S. 25.
20
 Programm der KPÖ Steiermark, S. 6.
21
 W.I.Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, In: LW, Bd. 27, S. 238.
22
 Karl Marx, Das Kapital. Dritter Band, In: MEW, Bd. 25, S. 828.

 

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