Aus den Augen, aus dem Sinn

Was klein- und spießbürgerliche Moral- und Wertvorstellungen überfordert, soll weg: bettelnde Roma und Suchtkranke am Billa-Eck. Demnächst auch Prostituierte?
Ein neues Gesetz in Frankreich und eine unsachliche Polemik in Deutschland ziehen auch hierzulande ihre Kreise.
Prostitution aus Bordellen und Laufhäusern zu verdrängen, wird die Situation verschärfen. Das hat sich schon im Mittelalter gezeigt.

Prostitution aus Bordellen und Laufhäusern zu verdrängen, wird die Situation verschärfen. Das hat sich schon im Mittelalter gezeigt.

Gegen Menschenhandel, Zwangsprostitution und Gewalt muss vorgegangen werden – keine Frage! Gesetze dagegen gibt es. Reichen sie nicht aus? Sind sie etwa nicht exekutierbar? Warum denn nicht?
Etwa weil die sozialen und Lebensbedingungen in den Herkunftsländern vieler Betroffener seit der viel bejubelten „Wende“ 1989/90 ins Desaströse abgerutscht sind und sie Prostitution deshalb als elenden Ausweg aus dem Elend begreifen?
Etwa weil es an StreetworkerInnen und Einrichtungen fehlt, die beim Ausstieg helfen könnten?
Etwa weil Betroffene – berechtigte – Angst davor haben, abgeschoben zu werden, sobald sie mit Behörden zu tun haben?

Auf die Tragödie mit schnöder Verbotspolitik zu antworten, wird die Situation von SexarbeiterInnen nicht nur nicht verbessern, sie wird sie verschärfen. Immer rigidere gesetzliche Rahmenbedingungen haben in Wien etwa zu Lohndumping und Verdrängung in Graubereiche geführt, wo Frauen nun Gewalt und Übergriffen völlig hilflos ausgeliefert sind. Forderungen nach arbeits- und sozialrechtlichem Fortschritt – etwa vom deutschen Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen – werden von einer als Feminismus getarnten Prüderie ebenso geflissentlich wie kalt lächelnd ignoriert. Eine impertinent paternalistische Alice Schwarzer lässt natürlich keine Argumente gelten, auch nicht die von Sexarbeiterinnen und deren Verbänden. Dabei sollte man genau mit ihnen reden – und nicht über sie.
Und eines unterstelle ich jetzt: Wie beim Bettelverbot geht es hier nicht darum, Probleme zu lösen – das müsste nämlich viel grundlegender angegangen werden –, sondern darum, nicht sehen zu müssen, was man nicht sehen will.

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3 Antworten zu “Aus den Augen, aus dem Sinn

  1. Ich habe zu diesem Text ein paar Anmerkungen:
    Bild: Ein Vergleich der Gegenwart mit dem Mittelalter ist in gesellschaftspolitischen Fragen ungünstig, da die Unterschiede einfach zu groß sind. (vgl: „Schon im Mittelalter wusste man, dass rothaarige Frauen Hexen sind.“)
    Deine anti-bürgerliche Polemik greift hier zu kurz: Prostitution ist an den Repräsentationsorten ohnehin unsichtbar, anders als das „Billaeck“ oder Bettler in der Herrengasse ist sie in der Peripherie ansässig. Es geht nicht um ein Unsichtbarmachen, Verdängen, sondern um etwas Prinzipielles, Wesentliches. Polemisch ist, hier Moral und Prüderie zu vermuten – damit haben die meisten Feministinnen z.B. gar nichts am Hut.
    Dass Gesetze der westeurop. Staaten nicht greifen, liegt nicht an der ökonomisch desaströsen Situation der Herkunftsländer der Frauen, sondern an der Realitätsfremdheit der Gesetze. (Bsp: In DE ist Förderung der Prostitution nicht mehr verboten, damit wird es unmöglich, Zuhälterei und Menschenhandel zu ahnden – ist ja nur Förderung!)
    Punkt 2. und 3.: Da sind die GegnerInnen der Prostitution ganz Deiner Meinung, auch was die Situation speziell in Wien betrifft, wo tatsächlich eine „Verdrängung“ versucht wurde.Typisch Ö hat man dort einen faulen Kompromiss versucht. Das Lohndumpung kommt übrigens dadurch zustande, dass z.B. auch Ö mit immer neuen Armutsprostituierten aus Osteuropa „gut versorgt“ wird. Jedes Überangebot drückt den Preis.
    Ich verstehe Deine Forderung, dass nicht über, sondern mit den Prostituierten gesprochen werden sollte, aber: warum nicht mit den Lobbys der Sexarbeiterinnen kommuniziert wird? Weil die unter Zwang arbeitenden von eben dieser Lobby nicht vertreten werden – sie haben keine.
    Schweden erwähnst Du gar nicht! Das ist ein für Menschenhandel unattraktiver Ort geworden. Ist das kein Erfolg? auf der anderen Seite: Keines der Länder mit liberalen Gesetzen (DE, NL) hat es geschafft, Menschenhandel zu dezimieren. Im Gegenteil: NL und DE sind Zentren geworden, in NL wird aufgrund dieses Versagens ein völliger Richtungswechsel überlegt.
    Die Polemik der Diskussion ist nervig. Für uns alle. Und Frau Schwarzer hat in letzter Zeit oft selbst öffentlich polemisiert. Aber die ganzen Hasstiraden gegen sie als Person lenken doch nur vom Eigentlichen ab:
    Prostitution ist kein Beruf wie jeder andere: Gehen Sie einmal auf die Website eines beliebigen Bordells und dann sagen Sie mir: Warum sind auf den Fotos der „Girls“ die Gesichter alle verpixelt? Warum wollen sie anonym bleiben? Es gibt keinen Grund dafür – außer Scham. Sie verheimlichen vor ihren Familien, denen sie jeden Monat Geld schicken, womit sie es verdienen. Aus Scham. Kein Hilfsarbeiter, egal wie dreckig die Arbeit ist, die er verrichtet, muss das.
    Es gibt keine Prostitution ohne Erniedrigung und wo Prostitution ist, wird immer auch Zwangsprostitution sein. Das zeigt leider die Wirklichkeit. Auch im Mittelalter war Prostitution alles andere als ein freiwilliger Beruf!
    Und zu guter Letzt: Was ist mit dem alten sozialistischen Argument, dass die Prostitution die Würde der Frau verletzt? Ich finde das Wesen der Prostitution und ihre Bejahung entwürdigend. Für die Frauen, die Freier, für uns alle. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, die so etwas akzeptiert.

    • Vielen Dank für deinen Kommentar! In aller Kürze zu deinen Anmerkungen:
      1. Der Einwand bezüglich des Bildes ist richtig. Worauf ich damit anspielen wollte (was aber zugegebenermaßen misslungen ist), ist, dass Kirchenvater Augustinus, der als wesentlicher Proponnent der frühchristlichen Feindlichkeit gegenüber der Sexualität die Legalität der Prostitution befürwortet hat.
      2. Natürlich haben viele Feministinnen mit Prüderie nichts am Hut, dennoch haben sie sich mit den klerikal-moralinsauren Pfui-Gaga-Heuchlern in ein Boot gesetzt.
      3. Natürlich spielt sich Prostitution nicht am Grazer Billa-Eck ab, aber eine noch weitere Verdrängung an noch peripherere Gebiete, würde die Situation für die Frauen verschärfen (siehe den Standard-Artikel, den ich diesbezüglich verlinkt habe).
      4. Auf den Ländervergleich hab ich mich deshalb nicht eingelassen, weil sie in der Debatte von beiden Seiten beansprucht wird – mit Winston Churchill hab ich mir gedacht: „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“
      5. Polemik mag vielleicht nicht hilfreich sein, aber ich hab sie bewusst verwendet, um Positionen zu verdeutlichen.
      6. Dass Prostitution in den meisten Fällen ein freiwilliger Beruf wäre, habe ich nie behauptet.
      7. Auch ich will in keiner solchen Gesellschaft leben, aber zu verbieten, dass ein Symptom auftritt, heilt die Krankkeit nicht. Simone de Beauvoir hat dazu in ‚Das andere Geschlecht‘ festgehalten: „Prostitution kann erst dann abgeschafft (nota bene: sie schreibt nicht verboten! Anm. hw) werden, wenn die Bedürfnisse abgeschafft werden, denen sie entspricht.“

  2. An interesting dialogue is value comment. I feel that it is best to write extra on this subject, it won’t be a taboo subject but generally persons are not sufficient to speak on such topics. To the next. Cheers kcakkbebbbfd

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