Die weiße Elf

ASV Gösting-WappenArbeiter-Sportverein Gösting.

Ein reges fußballerisches Leben hat Graz zu bieten und GAK. Viele Unterhaus-Vereine können auf große Traditionen zurückblicken. Teil 3 einer Serie im Grazer Stadtblatt.

1919 gegründet ist der Ar­beiter-Sportverein Gösting der drittälteste bestehende Fußballverein der steirischen Lan­deshauptstadt. Als 1920 die erste Grazer Meisterschaft ausgetragen wurde, war der ASV als „weiße Elf“ bekannt und spielte gegen Sturm, GAK, den Grazer SV, Rapid Graz und die Amateure.

Adel und Arbeiter

Gegründet wurde der Verein von sportbegeisterten Göstinger Arbeitern, die der existenziellen Not des Tages zum Trotz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges den Verein aufbauten. In der Göstinger Au, wo das Vieh des Grafen Attems graste, wurde bloßfüßig mit dem Fetzenlaberl gekickt. Hier sollte schließlich mit Unterstützung des als sozial geltenden Grafen die Spielstätte entstehen.

Aufstieg und Krise

1927, noch vor der Fertigstel­lung des Sportplatzes, trat hier eine steirische Auswahl des Verbands der Arbeiterfußballer Österreichs (VAFÖ) vor 1.500 Zuschauern ge­gen eine englische Profi-Auswahl an und unterlag nur knapp mit 1:2. Das Eröffnungsspiel zwei Jahre später wurde zum Volksfest, zu dem mehr als 1.000 Schaulustige pilgerten. Der ASV lief gegen eine steirische Arbeiterauswahl erst­mals in den heutigen Vereinsfarben Weiß-Grün auf.

Die Mannschaft des Arbeiter-Sportvereins Gösting beim zehnjährigen Jubiläum 1929

Die Mannschaft des Arbeiter-Sportvereins Gösting beim
zehnjährigen Jubiläum 1929

Der wirtschaftlichen Krise der 1930er folgte eine sportliche. Die meisten Spieler verloren ihre Arbeit, und nur Sportbegeisterung und Solidarität konnte den Unter­gang des Vereins verhindern.

Als 1934 Engelbert Dollfuß den austrofaschistischen Ständestaat errichtete, wurden alle Vereine des VAFÖ behördlich aufgelöst. Doch auslöschen konnte man sie nicht: Schon 1936 nahmen die Göstin­ger unter dem Namen „Sportklub Bewegung Gösting“ wieder am Meisterschaftsbetrieb teil.

Der sogenannte „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland änderte alles. Nicht nur, dass die Sportanlage für den jährlichen Tag der Wehrmacht genutzt wurde, viele Spieler wurden zum Kriegs­dienst eingezogen und konnten nur noch spielen, wenn sie Fronturlaub hatten. Mehr als 40 Göstinger Kicker ließen im Krieg für die Weltmachtfantasien der Nazis ihr Leben. 1944 wurde der Spielbetrieb eingestellt.

Neubeginn

Nach der Befreiung mussten nicht nur die Zerstörungen der Bombenangriffe beseitigt werden. „Der Sportplatz war durch seine Nutzung als Reit-Turnierplatz der Briten für den Fußball nicht zu gebrauchen“, erinnert sich Othmar Müller, heutiger Ehrenpräsident des ASV Gösting. Wiederum war es der unermüdliche Einsatz der Göstinger Arbeiter, der es möglich machte, den Spielbetrieb schon bald wieder aufzunehmen.

Der Kalte Krieg und die Riva­lität zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten war in diesen Jahren allgegenwärtig. „Im Ver­ein war das zweitrangig“, erzählt Müller, „da haben alle an einem Strang gezogen. Ich selbst komme aus einem sozialdemokratischen Haus, aber unser Jugendleiter war Kommunist. Er hat sogar einmal eine Reise zu einem Jugendturnier nach Wien organisiert. Das war für uns Kinder nicht nur fußballerisch ein Erlebnis.“

Ein großer Schritt

Zum 40jährigen Jubiläum 1959 wurde ein großes Turnier veran­staltet. Mithilfe von Sporttoto-Geldern und der aufopfernden Arbeit der ASV-Mitglieder wurde ein großer Schritt getan und die Sportanlage modernisiert. Strom, Warmwasser, Heizung und eine Umzäunung wurden Realität. Seit 1977 darf der Verein auch zwei Tennisplätze sein eigen nennen.

Perspektiven für die Jugend

Gerade die Jugendarbeit hält Ehrenpräsident Müller für die wichtigste Aufgabe des Vereins. „Es ist der Sport, der vielen jungen Menschen, die etwa keine Arbeit finden, Halt und Perspektive gibt.“ Deshalb wird besonderes auf die Qualität der Jugendbetreuer ge­achtet. In acht Jugendmannschaf­ten spielen heute Jugendliche aus vielen Herkunftsländern begeistert Fußball. „Unser Wunsch und Ziel ist und bleibt es – im Sinne unserer Gründer – den ASV Gösting nicht nur auf sportlicher, sondern auch gemeinschaftlicher Basis weiter zu führen“, sagt Müller.stadtblatt oktober 2012.indd

Othmar Müller ist seit 2005 Ehrenpräsident des Arbeiter-Sportvereins Gösting. 1935 im Personalhaus der Grazer Glas­fabrik geboren, war er von Kin­desbeinen an mit dem Verein verbunden. Sein Vater zählte zu den Gründern. Er selbst spielte seit 1945 für den ASV – erst in der Schüler-, dann der Jugend-, der Junioren-, der Reserve- und schließlich in der Kampfmannschaft. Nach seiner aktiven Zeit lief er immer wieder für die 1B und das Altherren-Team auf, während er als Schriftführer, Rechnungsprüfer und dann als Kassier mit Umsicht und Sorgfalt für den ASV wirkte. Kein Wunder also, dass er von seinen Kollegen als „Urgestein“ bezeichnet wird.

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